Schatzkammer der kleinen Leute

1913 wurde das Landesmuseum für sächsische Volkskunst eröffnet.
Erster Direktor war Professor Oskar Seyffert.

(Andreas Them, geschrieben im September 2013, zuerst veröffentlicht in der SZ)

…Zur Eröffnung erschien sogar der König. Aus einer kleinen privaten Sammlung wurde vor 100 Jahren das "Landesmuseum für sächsische Volkskunst" im ehemaligen Jägerhof. Und auch die Dresdner Bevölkerung zeigte von Anfang an großen Interesse an den "schönsten und wertvollsten Gegenständen sächsischer, besonders erzgebirgischer, vogtländischer und lausitzer Volkskunst". Neben dem Grünen Gewölbe gäbe es nun in Dresden auch eine "Schatzkammer der kleinen Leute" stand wenige Tage nach Eröffnung des Museums in einer Dresdner Tageszeitung. Der erste Direktor der am 6. September 1913 eröffneten Einrichtung wurde Oskar Seyffert, dem das alles überhaupt zu verdanken war.

Landesmuseum für Sächsische Volkskunst, Ansichtskarte, ca. 1925

Ende des 19. Jahrhunderts gab es im Städtischen Ausstellungspalast am Großen Garten eine Leistungsschau des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbe. Ein Besuchermagnet der Schau war ein "Museum für sächsische Volkskunde". "Dieses Museum ist unter Leitung der beiden Mitglieder des Festausschusses, der Herren Dr. Sponzel und O. Seyffert, aus Privatbesitz zusammengestellt worden und enthält ausschließlich Dinge, die über die Entwicklung des sächsischen Volkslebens in geistiger, zierlicher und wirtschaftlicher Hinsicht Aufschluß zu geben vermögen", hieß es dazu im Ausstellungsprospekt. Im Prinzip war dies die Geburtsstunde des späteren Volkskunstmuseums.

aus "Wegweiser durch die Alte Stadt. Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes. Dresden, 1896, Quelle SLUB

Traum vom festen Museum

Das große Interesse an der Sammlung war für den zu diesem Zeitpunkt 34-jährigen Seyffert Ansporn, weiter durch sächsische Dörfer und Städte zu reisen auf der Suche nach volkstümlichen Stücken. Dies war eine besondere Leidenschaft des Malers und Illustrators, der später auch Professor an der Königliche Kunstgewerbeschule Dresden wurde. Oskar Seyffert interessierte bei all seinen "Fundstücken" auch deren Geschichte. Dabei machte ihn das Suchen und Finden weitaus glücklicher "als das Gefunden haben." "Kunst ist Sprache - Volkskunst ist Dialekt" lautete eine seiner Umschreibungen für seine Leidenschaft.

Am 14. Februar 1897 gründete er dann mit Karl Schmidt, Volkskundler wie Seyffert, und dem deutschen Nordisten Eugen Mogk (1854–1939) den "Verein für sächsische Volkskunst". Die Vereinsmitglieder trugen zahlreiche Exponate zusammen und organisierten Ausstellungen im Palais im Großen Garten. Für die immer größer werdende Sammlung richteten sie Depots in der Kunstgewerbeschule und im japanischen Palais ein. Mit Karl Schmidt gründete Oskar Seyffert 1908 auch den "Landesverein Sächsischer Heimatschutz". Dadurch bekamen die Volkskundler selbst aus dem Könighaus Anerkennung. So sah Seyffert bald eine Chance für seinen Traum vom festen Museum. Die Suche nach einen geeigneten und finanzierbaren Gebäude begann.

Gleich hinter dem monumentalen Königlichen Finanzministerium an der Neustädter Elbseite wurde er fündig, der "alte Jägerhof", der zu diesem Zeitpunkt schon im verfallen war. Nichts erinnerte mehr an das fröhliche Leben in dem 1369 errichteten Renaissancebau, als hier noch in der benachbarten Arena des "Hofgartens", der Jagdlust gefrönt wurde.

Später wurde dann das Gebäude über viele Jahrzehnte als Kaserne der Sächsischen Armee genutzt. Um die Jahrhundertwende diente es schließlich nur noch als Werkstatt für Pferdeeisenbahnen. Unterstützt von der Landesregierung und kommunalen Behörden begannen 1911 die Mitglieder des Sächsischen Heimatschutzvereines mit der Renovierung des Jägerhofs. 1912 bewilligte der Dresdner Stadtrat "eine jährliche Beihilfe von 6000 Mark von 1913 ab, auf unbestimmte Zeit, den Verein für sächsische Volkskunde zur Unterhaltung eines Landesmuseums" Der Eröffnung des Museums stand nichts mehr im Wege.

Der Jägerhof vor seinem Umbau zum Museum, Ansichtskarte, ca. 1910

Und so wurde der Maler und Volkskundler Oskar Seyffert, inzwischen Hofrat, eine stadtbekannte Persönlichkeit. Um auch Besucher von außerhalb auf das Museum neugierig zu machen, wandte Seyffert sich an die Polizeidirektion. Die täglich in den Straßen patrouillierenden Beamten sollten bei Fragen nach dem Weg zu Dresdens Sehenswürdigkeiten auch den Besuch des Volkskunstmuseums empfehlen. Und der Museumsdirektor kontrollierte gleich mal selbst, ob sein Anliegen Gehör gefunden hatte. Als Reisender verkleidet stand er auf dem Wiener Platz vor dem Hauptbahnhof. Mit amerikanischen Akzent soll er sich an den ersten besten Wachtmeister gewandt haben: "Oh, Können Sie mir sagen, wo ist das berühmte Heimatmuseum?" Doch er wurde erkannt. Der Beamte griente über das ganze Gesicht und antwortete: "Nu, wenn's der Hofrat selwer nich wees, wer soll'sn bloß wissen?"

Rettung über den Zweiten Weltkrieg

Noch zu seinen Lebzeiten, im Jahre 1937, erhielt das Museum den Namen "Oskar-Seyffert-Museum". Zu diesem Zeitpunkt hatte schon der "Landesverein Sächsischer Heimatschutz" die Leitung des Hauses übernommen. Bis 1944 hatte sich die Zahl von anfänglich 8000 Sammlungstücken verfünffacht. Oskar Seyffert starb am 22. Februar 1940 - drei Tage nach seinem 78. Geburtstag. Seine Nachfolger begannen zwei Jahre später mit der Auslagerung vieler Exponate in die Gewölbe vom Schloss Weesenstein und retteten sie so über den Zweiten Weltkrieg. Deshalb konnte es schon wenige Monate nach Kriegsende wieder eine Ausstellung geben.

In provisorischen hergerichteten Räumen im Jägerhof fand im Dezember 1945 eine kleine Weihnachtsausstellung statt. Mit der Auflösung des Museums-vereins 1950 wurde das Volkskundemuseum verstaatlicht. Das zerstörte Gebäude wurde aufgebaut. Und bald konnten die Besucher hier wieder die virtuose und naive Volkskunst aus Sachsen bewundern. Seit 1968 gehört das Museum zu den staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Seit 2005 beherbergt der Jägerhof auch die Puppentheatersammlung - eine der größten und bedeutendsten der Welt.

 
Werbung für das Museum